Winterstress beim Hund
- Claudia Lang

- 8. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Winter bedeutet für Hunde mehr als kalte Temperaturen. Der Wechsel zwischen beheizten Innenräumen, Kälte draussen, veränderter Bewegung und Fellwechsel stellt den Körper vor grosse Anpassungsleistungen. Besonders Herkunft, Felltyp und Alter spielen dabei eine Rolle.

Inhaltsübersicht
Warum Kälte, Heizung und Alltag mehr beeinflussen als gedacht
Winter für Hunde:
Wenn innen und aussen nicht mehr zusammenpassen
Herkunft, Alter und Felltyp als Verstärker
Fellwechsel ist mehr als ein kosmetisches Thema
Wie merkt man, dass ein Hund friert?
Bewegung im Winter: Wann ist es zu kalt für den Hund?
Pfoten, Salz und Winteralltag
Funktionelle Kleidung statt Mode
Eine persönliche Einordnung
Warum Kälte, Heizung und Alltag mehr beeinflussen als gedacht
Der Winter wird oft als ruhigere Zeit wahrgenommen. Weniger Termine, kürzere Tage, mehr Rückzug. Für Hunde bedeutet diese Jahreszeit jedoch nicht automatisch Entlastung. Im Gegenteil: Gerade im Zusammenspiel von beheizten Innenräumen, kalter Aussenluft, Tageslicht und veränderte Bewegungsroutinen entstehen Belastungen, die sich leise, aber nachhaltig auf Wohlbefinden und Regulation bei Hunden auswirken können. Dabei geht es nicht nur um einzelne Faktoren wie Kälte oder Fell, sondern um das ständige Umschalten des Körpers zwischen sehr unterschiedlichen Bedingungen.
Winter für Hunde:
Wenn innen und aussen nicht mehr zusammenpassen
Hunde aus südlichen Ländern, Osteuropa oder von der Südhalbkugel kennen häufig ein anderes Verhältnis von Innen- und Aussentemperaturen. In vielen Regionen sind Wohnräume im Winter nur wenig beheizt, einzelne Räume werden gezielt erwärmt, während der Rest des Hauses kühl bleibt. Der Temperaturunterschied zwischen drinnen und draussen ist damit deutlich geringer als in Mitteleuropa.
In vielen Haushalten herrschen jedoch andere Voraussetzungen: konstante Wärme, trockene Heizungsluft und künstliches Licht bis in die Abendstunden. Für den Körper entstehen dadurch widersprüchliche Signale. Draussen ist Winter, drinnen Frühling – manchmal sogar Sommer.
Diese Diskrepanz betrifft nicht nur das Fell. Sie beeinflusst auch Stoffwechsel, Haut, Schleimhäute, Hormonregulation und Erholungsfähigkeit. Der Körper ist permanent damit beschäftigt, sich neu anzupassen.
Deshalb lohnt es sich zu Hause, Winter nicht künstlich zu „glätten“. Nicht alle Räume müssen gleich stark beheizt werden. Ein Liegeplatz in einem kühleren, ruhigen Raum entspricht oft eher den Bedürfnissen des Hundes als ein Platz direkt neben der Heizung. Auch uns Menschen tut das gut für das Immunsystem.
Alter und Felltyp als Verstärker
Mit zunehmendem Alter verstärken sich diese Effekte. Ältere Hunde regulieren Körpertemperatur und Erholung weniger effizient. Was früher problemlos kompensiert wurde, führt heute schneller zu Überforderung oder Erschöpfung.
Auch der Felltyp spielt eine Rolle. Kurzhaarige Hunde, Windhunde oder Hunde mit wenig Unterfett reagieren anders auf Kälte als nordische Rassen oder Herdenschutzhunde. Letztere sind oft kälteunempfindlicher, geraten dafür schneller in Schwierigkeiten, wenn sie in zu warmen Innenräumen liegen.
Fellwechsel ist mehr als ein kosmetisches Thema
Der Fellwechsel wird hormonell gesteuert und reagiert sensibel auf Umweltbedingungen. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, zeigen sich Veränderungen häufig schleichend: vermehrtes Haaren, ein verzögerter oder ungleichmässiger Fellwechsel, stumpfes Fell oder vermehrtes Kratzen.
Begleitend treten nicht selten Anzeichen auf, die auf den ersten Blick nicht mit dem Fell in Verbindung gebracht werden: erhöhte Müdigkeit ohne echte Entspannung, geringere Belastbarkeit im Alltag oder eine allgemein niedrigere Stresstoleranz.
Kommt hinzu, dass auf der Südhalbkugel Winter und Sommer zeitlich versetzt verlaufen, kann der Fell- und Hormonrhythmus zusätzlich durcheinandergeraten. Der Organismus braucht Zeit, um sich neu zu synchronisieren.
Diese Zusammenhänge betreffen grundsätzlich alle Hunde. Bei bestimmten Gruppen können sie jedoch stärker ins Gewicht fallen.
Wie merkt man, dass ein Hund friert?

Zittern ist ein deutliches, aber oft spätes Anzeichen von Kälte. Viele Hunde zeigen zuvor subtilere Veränderungen, insbesondere im Bewegungsablauf und in der Körperspannung. Ein zentraler, häufig unterschätzter Faktor ist dabei die Art der Bewegung.
Kälte wird nicht nur über die Temperatur wahrgenommen, sondern über Aktivität. Zu Beginn eines Spaziergangs ist es sinnvoll, dem Körper Zeit zu geben, sich anzupassen. Gelenke und Muskulatur sollten zuerst aufgewärmt werden, bevor Tempo oder Belastung steigen. Hunde, die sich gleichmässig bewegen, können ihre Körpertemperatur deutlich besser halten als Hunde, die lange stehen oder nur langsam schlendern. Zittern – auch mit Jacke – zeigt an, dass Wärme nicht mehr ausreichend produziert wird.
Typische Anzeichen von Frieren oder beginnender Auskühlung sind:
verlangsamtes oder steifes Gangbild
häufiges Anheben der Pfoten, kurzes Stehenbleiben
vermehrtes Zusammenrollen oder Einziehen der Rute
angespannte Körperhaltung, eingeklemmte Schultern
reduzierte Aufmerksamkeit, geringere Reaktionsbereitschaft
Vermeidung von Pausen oder plötzliches Verweigern des Weitergehens
kalte Ohren, Pfoten oder Bauchregion bei Berührung
vermehrtes Lecken der Pfoten, häufig auch als Reaktion auf Kälte oder Salz
Ältere Hunde, Hunde mit wenig Unterwolle oder reduzierter Muskulatur zeigen diese Anzeichen oft früher und weniger deutlich als jüngere, gut trainierte Hunde.
Bewegung im Winter: Wann ist es zu kalt für den Hund?

Ob es zu kalt zum Gassi gehen ist, lässt sich nicht an einer einzelnen Temperatur festmachen. Entscheidend sind Felltyp, Körperbau, Alter, Witterung, Untergrund und Art der Bewegung. Besonders relevant ist, ob ein Hund sich gleichmässig bewegt oder überwiegend spaziert, also ohne längere Trab- oder Laufphasen.
Hunde mit dünnem Fell ohne Unterwolle (z. B. Windhunde, kurzhaarige Mischlinge) kühlen beim ruhigen Spazieren oft bereits ab ca. +5 °C bis 0 °C aus. Unter 0 °C reicht selbst funktionelle Kleidung ohne kontinuierliche Bewegung meist nicht mehr aus.Empfohlene Dauer: 15–30 Minuten.
Hunde mit Unterwolle kommen je nach Kondition beim Spazierengehen bis etwa 0 °C bis –5 °C gut zurecht, sofern sie in Bewegung bleiben und nicht lange stehen.Empfohlene Dauer: 30–60 Minuten.
Nordische Hunde und Hunde mit sehr dichter Unterwolle frieren weniger durch Kälte als durch Nässe, Wind, Untergrund und Passivität. Temperaturen bis etwa –10 °C, teils auch bis –15 °C, sind oft tolerierbar, solange sie sich gleichmässig bewegen. Sie reagieren in der Regel empfindlicher auf Wärme als auf Kälte.
Pfoten, Ohren, Salz und Winteralltag

Im deutschsprachigen Raum stellt weniger der Schnee als vielmehr Streusalz und Splitt eine Herausforderung dar. Salz greift die Haut an, trocknet Ballen aus und kann schmerzhafte Risse verursachen. Regelmässige Pfotenpflege und gegebenenfalls temporärer Schutz durch Schuhe können sinnvoll sein – abhängig von Hund, Untergrund und Dauer der Belastung.
Hundeohren, besonders lange Stehohren mit wenig Fell sind bei Kälte besonders exponiert. Bei den Ohren zeigen sich Erfrierung durch Fellverlust. Bei den kalten Temperaturen können Ohren und Pfötchen erfrieren. Lange Haare zwischen Ballen sollten gekürzt werden, damit sich keine Eisklumpen bilden. Milchfett oder eine fettende Pfotenschutzcreme bildet für beides eine eine kleine Barriere gegen Feuchtigkeit, Kälte und Salz.
Nach dem Spaziergang die Pfoten mit kühlem Wasser gut abspülen, trocknen und prüfen. Bei Wunden und Anzeichen von Erfrierungen den Tierarzt konsultieren.
Funktionelle Kleidung statt Mode
Kleidung kann im Winter unterstützen, ist jedoch kein Selbstzweck. Schutzkleidung ersetzt keine Bewegung. Wenn ein Hund beim ruhigen Spazieren friert, ist die Kombination aus kürzerer Dauer, besserer Bewegung und angepasstem Umfeld wirksamer als das Verlängern der Runde mit zusätzlicher Kleidung.
Entscheidend ist bei der Kleidung die Funktion, nicht das Aussehen. Geeignete Kleidung ist:
weich und anschmiegsam
geräuschlos (kein Knistern, kein Quietschen)
atmungsaktiv
passend zur Körperform des Hundes
Hunde sind keine Modeaccessoires. Viele Produkte, auch aus Fachmärkten, erfüllen diese Kriterien nicht. Gerade bei empfindlichen oder älteren Hunden können harte Nähte, steife Materialien oder Geräusche zusätzlichen Stress verursachen.
Oft lassen sich funktionelle Hundemäntel einfach selbst herstellen – und das mit Materialien, die bereits im Haushalt vorhanden sind. Alte Kinderwesten für grössere Hunde, Ärmel von alten Fleecepullover oder warme Socken lassen sich mit wenigen Handgriffen und Schnitten in massgeschneiderte Hundekleidung verwandeln. Das schont nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt.
Wichtig bleibt: Friert ein Hund trotz Jacke, braucht es meist mehr Bewegung oder kürzere, besser angepasste Spaziergänge – nicht noch mehr Kleidung.
Eine persönliche Einordnung

Ich habe zwei Tierschutzhunde aus Brasilien begleitet, die ihren ersten Schweizer Winter gemeinsam mit mir erlebt haben. Thor, heute 13 Jahre alt, und Tigrão, der inzwischen verstorben ist. Beide waren grosse Mischlingsrüden – robust, bewegungsfreudig, nicht das, was man klassisch als „kälteempfindlich" bezeichnet.
Sie fanden Schnee grossartig und sind mit kreisenden Ruten freudig durch den Schnee gesprungen.
Und doch zeigte sich im Winter etwas anderes: Nicht das Draussen war die Herausforderung, sondern der ständige Wechsel, das viele „Umschalten", das Weniger an natürlicher Regulation. Dort, wo wir zuvor in der Nähe von São Paulo lebten, konnte es im Winter ebenfalls kühl werden – bis etwa fünf Grad. Der Unterschied lag weniger in der Aussentemperatur als in den Wohnverhältnissen. In den Häusern in Brasilien gab es nur einen beheizten Raum, während der Rest des Hauses ähnlich kalt war wie draussen, aber ohne Wind und Feuchtigkeit.
In der Schweiz geriet der Fellwechsel aus dem Takt – ein Effekt, der sich mit der zeitlichen Verschiebung der Jahreszeiten zwischen Südhalbkugel und Europa erklären lässt. Für beide Hunde waren gesalzene Strassen belastend sowie auch die damit verbundene Pfotenpflege.
Diese Beobachtungen waren nicht dramatisch, aber lehrreich. Sie machten deutlich, wie stark Umweltbedingungen in unseren Breitengraden natürliche Prozesse verändern können – und wie wichtig es ist, individuell hinzuschauen.
Fazit
Winterstress beim Hund entsteht selten abrupt. Er entwickelt sich schleichend, im Zusammenspiel von Heizung, Kälte, Bewegung, Felltyp und Alltag. Betroffen sind grundsätzlich alle Hunde – bestimmte Gruppen reagieren jedoch sensibler.
Entlastung beginnt oft nicht mit mehr Beschäftigung, sondern mit stimmigen Rahmenbedingungen: angepasster Bewegung, funktioneller Ausstattung, bewusster Gestaltung von Innen- und Aussenräumen und einem realistischen Blick auf Alter und individuelle Voraussetzungen.
Manchmal ist weniger Aktion und mehr Verständnis der entscheidende Schritt.





Kommentare